Leseprobe – Tore der Zeit

Licht und Schatten

Paris, Februar 2012


„Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zu einer weiteren Runde des WizzQuizz!“
Die Stimme des Ansagers dröhnte aus den Lautsprechern, der Sprecher selbst blieb außer Sicht. Als die Fanfare ertönte und die Scheinwerfer sie erfassten, bereute Ravenna sofort, dass sie sich für das Duell der Zauberer und Hexen beworben hatte.

Sie saß auf einem hohen Hocker in der Mitte des Studios, die Absätze fest in den Stahlring gehakt. Die Scheinwerfer waren wie kleine Kanonen, die pochend heiße Lichtstrahlen auf sie abfeuerten. Das Studio lag im 6. Pariser Stadtbezirk, am schicken Boulevard Saint-Germain. Als Kulisse war aus Styroporsteinen ein mittelalterlicher Ballsaal errichtet worden. Neben blinden Schießscharten flackerten elektrische Fackeln. Beim Einzug des Publikums schwenkten rotgolden gekleidete Herolde Banner mit dem Logo der Show. Unter den Zuschauerbänken lag künstliches Stroh.

Etliche Hundert Augenpaare waren auf sie und ihren Gegner gerichtet. Daheim an den Bildschirmen waren es noch mehr – genug, dass ihr mulmig wurde. Das Gewummer aus den Boxen vibrierte in ihrem Körper.
„Als Favoriten des heutigen Abends begrüßen wir wieder einmal Vadym, der bereits zum siebten Mal am Quiz der Zauberer teilnimmt! Mal sehen, ob er es diesmal in die nächste Runde schafft!“
Gejohle und Geschrei. Eine rothaarige Verehrerin des Russen war auf die Bank geklettert und tanzte in einem T-Shirt, das mit Kussmündern übersät war. Auf der Rückseite war das CD-Cover irgendeiner Gothic-Rockband abgedruckt. Man sah es, wenn die Rothaarige auf und ab hüpfte und sich dabei drehte.
Nervös schob Ravenna das feuchte Taschentuch von einer Hand in die andere. Der Favorit lehnte ihr gegenüber in unverschämt lässiger Haltung an seiner Konsole. Vadym trug ein Hemd, das statt eines Kragens eine altmodische, um den Hals gewickelten Schleife hatte. Dazu passte seine durchgestylte Frisur. In Gegensatz zu seiner ansonsten makellosen Erscheinung stand nur die ausgebeulte, abgewetzte Jeans.
Sein Lächeln ließ keinerlei Nervosität erkennen. Vadyms messinggelbe Augen glitzerten und Ravenna fragte sich insgeheim, welche Gabe er wohl besaß. Vadym war der Favorit der Show. In den letzten Wochen hatte er alle anderen Kandidaten aus dem Rennen geworfen und war jedes Mal an den letzten drei Aufgaben gescheitert. Im letzten Frageblock ging es nämlich um praktisch angewandte Magie, nicht bloß um die Theorie der Hexerei.
Doch gerade dieses Scheitern machte Vadym zur Kultfigur, zum tragischen Helden des WizzQuizz. Im Internet schlossen die Leute bereits Wetten ab, ob der Russe jemals den Sprung in die nächste Runde schaffen würde. Es gab Vadym-Hasser und Vadym-Fans, die ihm online ewige Liebe schworen. Die Rothaarige in der letzten Reihe gehörte offenbar dazu. Sie kreischte und jubelte ihrem Liebling bei jeder Gelegenheit zu. Obendrein kursierten jede Menge Vadym-Witze. Die meisten fingen so an: Sitzt ein Russe in einer Rateshow …

„Und nun zu Vadyms Herausforderin: Ravenna kommt aus Straßburg und ist, wie sie selbst sagt, eine echte Hexe.“
Höflicher Applaus. Dazwischen einzelne Buhrufe. Ravenna drehte sich um, um die Krakeelerin wütend anzufunkeln. Aber die rothaarige Gothic-Rockerin hatte sich schon wieder hingesetzt.
Die Kamera schweifte durch den Saal. Das Publikum war bunt gemischt. Ravenna entdeckte Schamanen mit elegant gestutzten Bärten, weiß gekleidete Druiden und Hellseher mit funkelnden Ringen an den Fingern. Neuzeitliche Hippiehexen saßen neben düster geschminkten Mystikerinnen und es gab gewiss auch den einen oder anderen Sterndeuter unter den Zuschauern. Familien, ältere Herrschaften und Studenten bildeten jedoch die Überzahl. Es waren Schattenseelen – Menschen ohne einen Funken von magischem Talent. Die eigentliche Anziehungskraft des WizzQuizz bestand darin, Normalsterbliche für die Kunst der Zauberei zu begeistern. Hexen wie Ravenna waren Exoten – und in diesem bunten Zirkus stellte man sie aus.
„Ravenna“, raunte Vadym ihr zu. Beim Sprechen rollte er das R. „Cherzlich willkommen.“
Sie verzog das Gesicht. Offenbar hatte Vadym Unterstützung mitgebracht. Seine Freunde lümmelten hinter ihm auf den Sitzen und feuerten ihn mit ironischen Zurufen an.
„Gleich werden wir sehen, ob Ravenna eine Herausforderung für unseren Champion darstellt!“, verkündete der unsichtbare Moderator. „Möge das Duell der Zauberer beginnen!“

Das Licht erlosch, die Zuschauerränge wurden dunkel. Ravenna drehte sich zu ihrem Bildschirm um. Blaue Punktstrahler beleuchteten sie und Vadym. Der Russe beugte sich vor und legte die Hände auf die Konsole. Die erste Frage war meist ausgesprochen lächerlich, ein Spaß für die Zuschauer, falls der Favorit und der Herausforderer nicht schnell genug handelten. Denn in der Auswahlrunde kam es vor allem auf die Reaktionsfähigkeit der Kandidaten an.
Ravenna klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie starrte auf den Bildschirm, um keine Millisekunde zu verpassen. Ein Gong ertönte. Die erste Aufgabe erschien auf dem Touchscreen.
Ergänzen Sie folgenden Ausdruck:
Hokus  a) Lokus  b) Fokus  c) Pokus  d) Krokus.
Ravenna wählte die Antwort aus und schlug auf den Buzzer. Ein hässliches Summen bestätigte ihre Entscheidung. Vadyms Augen schillerten, als er in ihre Richtung schaute. War sie wirklich flinker gewesen als der Favorit?

Unvermittelt feuerten die Lichtkanonen auf sie. Ein Tusch ertönte. Die richtige Lösung erschien in einer Art Flammenschrift an der Wand. Antwort C. Ravenna atmete wieder und versuchte zu lächeln.
Geschafft! Sie hatte die Auswahlrunde des WizzQuizz hinter sich. Jetzt durfte sie sitzen bleiben.
„Kompliment“, raunte Vadym ihr zu. Gleichzeitig musterte er sie wie einen appetitlichen Happen. Offensichtlich sah er sie nicht als ernstzunehmende Konkurrentin an.
Unter der Konsole ballte Ravenna die Fäuste. Abwarten, sagte sie sich. Ruhig Blut. Schließlich war sie nicht hergekommen, um gegen einen Typen zu verlieren, der nicht einmal wusste, wie man einen einfachen Bindezauber zustande brachte.
Hunderttausend Euro. So hoch war die Gewinnsumme in der ersten Runde. Sie brauchte das Geld. Sie brauchte es dringender als sonst irgendetwas, denn ihre derzeitige Lage war völlig desolat. Sie hatte ihr ganzes Geld für die Suche nach Yvonne ausgegeben. Zum Glück bezahlte der Sender das Hotelzimmer, aber das war auch schon alles. Falls sie an diesem Abend verlor, saßen sie und Lucian ohne einen Cent in der Tasche in der Hauptstadt fest.

Sie drehte sich zu ihrem Begleiter um. Lucian saß hinter ihr in den Zuschauerrängen. Obwohl ihm die auf Mittelalter getrimmte und mit Technik gespickte Umgebung des Studios höchst seltsam vorkommen musste, wirkte er entspannt. Er hatte die Hände um ein Knie verschränkt und grinste ihr ein bisschen unverschämt zu. Lucian konnte das wie kein Zweiter: cool wirken, wenn andere nervös wurden. Ravennas Herz fing an zu klopfen, als sie ihn betrachtete. Er gefiel ihr jedes Mal mehr: braunes Haar, dunkle Augen und ein sanfter Blick, der sich in Stahl verwandeln konnte, wenn man ihn herausforderte. Sein Körper war von unzähligen Stunden im Sattel und auf dem Übungsplatz wie gemeißelt. An diesem Abend trug ihr Ritter moderne Kleidung: ein Hemd, eine graue Hose, elegante Schuhe. Niemandem würde auffallen, wie wenig Lucian in ihre Welt gehörte – solange er nicht den Mund aufmachte.
Sie lächelte ihm zu. Lucian nickte aufmunternd. Du schaffst das schon, sagte dieser Blick. Schließlich bist du eine der Sieben.
Ravenna holte tief Luft. Jeden Samstagabend nach dem Ende der Sendung las ein Medium die Namen der nächsten Teilnehmer von einem Zauberbrett. Ravenna hatte gejubelt vor Erleichterung, als ihr Name endlich genannt wurde. Sie war Lucian um den Hals gefallen, denn sie wollte unbedingt am WizzQuizz teilnehmen.
Und zwar genau bis zu dem Moment, in dem das Licht anging.

Die Assistentin trippelte herbei und stellte ein Glas auf ihre Konsole. Ravenna trank einen Schluck von dem eiskalten Wasser. Sie hatte einen salzigen Geschmack in ihrem Mund und schwitzte im Lampenlicht. Sie hatte dreieinhalb Stunden in der Maske hinter sich, trug einen Knopf im Ohr und einen Sender hinten im Hosenbund, der sie beim Sitzen piekte. ...
Eine Showtreppe rollte ins Studio, umwallt von Trockeneisnebel. Der Donner kam vom Tonband.
„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir den Showmaster des heutigen Abends! Wir freuen uns sehr, für diese Runde eine ganz besondere Persönlichkeit des Showgeschäfts gewonnen zu haben. Einen Mann, der viel für uns alle getan hat. Gastgeber der heutigen Show ist … der Erfinder und Produzent des WizzQuizz!“
Ohrenbetäubender Applaus, übertönt von Posaunenstößen. Vadym klatschte, Ravenna ebenso. Der Showmaster war jedes Mal eine anderer Prominenter. Er musste keineswegs zaubern können: Ein bisschen Smalltalk mit den Kandidaten, ein paar anzügliche Witze in Richtung Publikum und die Ansage der nächsten Herausforderung – darin bestand seine Aufgabe. Die Auswahl der Fragen übernahm das Medium, das angeblich in einem abgeschirmten Raum hinter den Kulissen saß und sich nur mit dem Hexenbrett behalf.

Der Lichttechniker ließ es blitzen. Der Gastgeber erschien ganz oben auf der Showtreppe. Umwölkt von Nebelschwaden stieg er zu den beiden Kandidaten herab. Erst die erfolgreiche Auswahlrunde lockte den Quizmaster aus seinem Turm – so wollte es die Regie. Jeder seiner Schritte ließ die Showtreppe funkeln.
Ravenna starrte in den Nebel. Diesen Anfang hatte sie Dutzende Male im Fernsehen gesehen, zu Hause auf der Couch, mit dicken Wollsocken an den Füßen, einem Becher Eiscreme in Reichweite und eng an Lucian gekuschelt, der sich erst an die abendliche TV-Entspannung hatte gewöhnen müssen. Verdammt, wie war sie bloß auf die Idee gekommen, sich für das Wizard-Quiz zu bewerben?
Der Showmaster hatte eine Glatze und trug einen schwarzen Umhang mit hochgestelltem Kragen. Im linken Ohrläppchen funkelte ein violetter Stein. In jeder Hand hielt er einen Koffer. Sein Gesicht schälte sich langsam aus dem gleißenden Nebel.
Ravenna blinzelte, denn dieses herablassende Lächeln kam ihr bekannt vor. Allerdings wirkten die Augen ungewohnt, stechender hinter der getönten Brille, und durch den kahlen Kopf sah der Moderator irgendwie anders aus. Als ihr endlich klar wurde, weshalb ihr der Showmaster trotzdem so vertraut erschien, fühlte sich der Schreck an wie ein Boxhieb in die Magengrube.
Der Gastgeber des Abends war kein anderer als ihr alter Widersacher Beliar.

Sie rutschte vom Hocker und sah sich instinktiv nach einem Fluchtweg um. Ihr Herz pochte so schnell, dass ihr übel wurde. Alle Türen des Studios waren geschlossen und über den Ausgängen flackerte ein rotes Warnlicht: Émission! Das bedeutete so viel wie: Wir sind auf Sendung!
Vadym runzelte die Stirn, als sie zurückwich. Sie stolperte beinah über ein Kabel. Durch ihre hektischen Bewegungen verrutschte der Sender in ihrem Hosenbund und von einem Lautsprecher in ihrer Nähe ertönte ein schrilles Pfeifen. Der Tontechniker, der neben der Box stand, fluchte und riss sich den Kopfhörer herunter.
Ravenna beachtete die Störgeräusche nicht. Sie hatte mit allem gerechnet – nur damit nicht: Der Showmaster des WizzQuizz war der Teufel persönlich. Ein Hexenmeister und Dämonenfürst, der mehr Menschen auf dem Gewissen hatte, als sie an beiden Händen abzählen konnte. Beliar hatte ihre Freunde in Gefahr gebracht – den Zirkel der Sieben, von dem sie ihr ganzes Wissen erlangt hatte. Er hatte versucht, sie in den Wahnsinn zu treiben, und als das nicht gelang, hatte er sie umbringen wollen ... nein, erst Lucian und dann sie. Und nun schritt er die funkelnde Treppe herunter und badete im Applaus, als wäre eine Huldigung im Fernsehen genau das Richtige für einen Verbrecher wie ihn.

Wütend gab ihr der Regieassistent Zeichen. Der Techniker rannte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, als würde er ein widerspenstiges Huhn zurück ins Geflügelgatter treiben. Aber Ravenna wollte auf keinen Fall wieder auf dem Hocker Platz nehmen – sie wollte nur noch eines: weglaufen und sich in Sicherheit bringen. Das ganze schöne Geld war ihr in diesem Moment egal. ...
Offenbar hatte Lucian die Gefahr ebenso schnell erkannt wie sie. Er war im Begriff aufzuspringen – und sank dann auf die Bank zurück. Mit einem Nicken zeigte er ihr, wohin sie schauen sollte.
Sämtliche Scheinwerfer und Kameras waren auf sie gerichtet. Ihr Gesicht flackerte überlebensgroß auf der Studioleinwand und wurde zeitgleich auf die heimischen Fernseher übertragen. Alle Zuschauer konnten sehen, wie verstört sie in diesem Augenblick war. Beliar hatte wirklich nichts dem Zufall überlassen.

„Und da ist er!“, schrie der unsichtbare Moderator. „Ich bitte um einen tosenden Applaus für Beliar Le Malin!“
Ein dritter Hocker wurde aus dem Boden gefahren. Beliar nahm Platz und stellte beide Koffer vor sich auf die  Tischplatte. Die Koffer enthielten die beiden Preise, zwischen denen der Sieger des Abends wählen musste. Ein magisches Gitter formte sich und ein Raunen ging durch das Publikum.
„Setzen Sie sich! Setzen Sie sich wieder hin, verdammt noch mal! Das ist eine Live-Show“, zischte der Techniker Ravenna ins Ohr. Er versuchte, sie in Richtung ihres Hockers zu schieben.
Sie stemmte die Füße in den Boden und sperrte sich. Das Blut rauschte in ihren Adern. Niemand schien sich an der Gegenwart des Größten aller Schwarzmagier zu stören. Im Gegenteil – Beliar sonnte sich mit sichtlichem Behagen im Scheinwerferlicht und wurde dabei auch noch beklatscht.
„Hinsetzen und zwar sofort!“, fauchte der Techniker. „Vergessen Sie nicht, dass Sie einen Vertrag unterschrieben haben! Sie werden diesen Abend nicht ruinieren – es sei denn, Sie wollen den Sendezeitausfall bezahlen.“
Widerstrebend ließ sich Ravenna zu ihrem Platz bugsieren. Der Techniker hatte recht: So leicht kam sie nicht mehr aus der Nummer raus. Sie hatte tatsächlich unterschrieben, dass sie diese Runde bis zum Ende durchhielt. Mit allen Konsequenzen. Es gab kein Zurück mehr.
Sie atmete durch und rutschte auf den Hocker. Eines musste man ihm lassen: Beliar hatte seinen Auftritt ganz ausgezeichnet eingefädelt. Offenbar wusste er genau, welche Wirkung sein unerwartetes Erscheinen auf sie haben musste – zuletzt hatte sie ihn lichterloh brennen sehen. Damals hatte sie geglaubt, dass er für immer gebannt war, versteinert durch den Fluch der Sieben. Aber irgendjemand hatte den Fürst der Finsternis befreit. Und nun stellte er die Fragen.

„Bravo! Bravo!“, rief er und verneigte sich in Richtung der Zuschauer. Es war nicht ganz klar, ob er mit den Hochrufen sich selbst meinte oder seine Kandidaten. „Bravo, meine Damen und Herren hier im Saal, verehrte Zuschauer an den Bildschirmen! Unser Favorit Vadym hat also eine neue Herausforderin, und zwar eine, wie ich meine, ganz bezaubernde junge Hexe!“
Die Kameras zoomten sie noch näher heran. Ravenna zwang sich zu einem Lächeln. In der Maske hatte man seltsame Dinge mit ihrem Haar angestellt. Es glänzte und ringelte sich um ihre Schultern. Ganz gegen ihre Gewohnheit war sie geschminkt. Besonders ihre grauen Augen hatten es der Visagistin angetan. Sie erkannte sich selbst kaum wieder. Verwirrt betrachtete sie sich auf der Leinwand und stellte fest, dass sie total verkrampft wirkte.
„Bleib ganz locker“, spottete Beliar auch sogleich. „Die Auswahlrunde hast du bereits für dich entschieden, denn du warst einen Tick schneller als unser russischer Freund. Willst du unseren Zuschauern verraten, was du von Beruf bist?“
Es war nicht üblich, dass der Showmaster die Gäste des Abends duzte. Aber niemand schien daran Anstoß zu nehmen.
„Steinmetzin“, brachte Ravenna hervor. Ihre Zunge fühlte sich an wie Papier. Im Studio wurde es mucksmäuschenstill. Die Lampen summten. Sie räusperte sich. „Ich bin Steinmetzin“, wiederholte sie. „Ich halte historische Gebäude instand. Kathedralen. Alte Statuen.“
Sie schaute Beliar in die Augen. Dieser Mistkerl. Er hatte ihr eine Falle gestellt und genoss es sichtlich, sie darin zappeln zu sehen.
„Und du bist eine Hexe.“
„Ich bin...“ Auf der Leinwand konnte Ravenna sehen, wie ihr die Röte den Hals hinaufkroch. Vadym grinste sie an. Er atmete vollkommen gleichmäßig und starrte ihr dauernd in den Ausschnitt. Irgendeine Art von magischer Gabe besaß er ganz bestimmt, sonst säße er wohl kaum in diesem Studio.

„Ja, ich bin eine Hexe“, erklärte Ravenna. „Ich wurde im Konvent der Sieben ausgebildet und bin ein anerkanntes Mitglied des Zirkels. Ich weiß alles über weiße Magie.“
„Schön für dich“, sagte Beliar und Ravenna hätte sich am liebsten geohrfeigt. Wie konnte sie so dumm sein und zugeben, dass sie sich nur mit der Hälfte der Hexenkunst auskannte? Von schwarzer Magie hatte sie keine Ahnung. Andererseits – Beliar wusste ganz genau, wie weit ihre Fähigkeiten reichten. Er hatte ihre Gabe am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Seine Schuhspitze wippte unter dem Umhang, eine Angewohnheit, mit der er sie schon früher in den Wahnsinn getrieben hatte. „Du wirst heute noch genügend Gelegenheit bekommen, dein Können unter Beweis zu stellen. Lasst uns zunächst über die Regeln des WizzQuizz sprechen.“
Jeder Zuschauer kannte diese Regeln. Dennoch trug sie der Showmaster zu Beginn jeder Sendung noch einmal vor.

„Den beiden Kandidaten werden in drei Blöcken jeweils drei Fragen gestellt, die sich auf Magie und Zauberei beziehen. Falls Ravenna schon in den ersten beiden Blöcken versagt, fliegt sie sofort aus der Show. Ansonsten entscheidet der letzte Block über den Sieg der ersten Runde. Vadym dagegen kann nicht vorzeitig rausfliegen – er ist der Herausforderer und spielt so lange weiter, bis er auch den dritten Teil des Quiz für sich entschieden hat.“
Fröhliches Grölen. Die Zuschauer trampelten mit den Füßen. Offensichtlich wollte man sie gegen Vadym verlieren sehen. Wer war sie denn schon? Ein Niemand, ein unbekanntes Gesicht aus der Provinz. Dass sie eine Hexe war, beeindruckte hier keinen, denn auf den Rängen saßen sicher drei Dutzend Personen mit einer Gabe.

Beliar senkte den Kopf. Sein ausgestreckter Arm zitterte über dem Bildschirm. Ravenna musterte ihn verstohlen und versuchte abzuschätzen, wie gefährlich er ihr werden konnte. Er wirkte verändert. Kälter. Unberechenbarer. Offenbar musste er sich nicht mehr verstellen, wie es früher der Fall gewesen war. Auf seiner Stirn war eine dünne Linie zu sehen, die sie zunächst für eine Hautfalte gehalten hatte. Schweiß glänzte darin und sie erkannte, dass es eine umgedrehte Vier war. Eine Narbe, die sie ihm zugefügt hatte. Sie schluckte.
Beliar warf den Kopf in den Nacken. Die Kameras fingen seine Züge ein. Nur die Augen hinter den violett getönten Brillengläsern blieben unergründlich. Unter seiner Handfläche glühte ein grelles Licht auf. „Und da sind sie schon, die ersten drei Fragen!“, verkündete er, als hätte ihm das Medium die Aufgaben soeben telepathisch übermittelt. ...
Eine Kamera glitt auch über Lucian, sodass Ravenna ihn i Großaufnahme sehen konnte. Er saß nach vornegebeugt, beide Ellenbogen auf die Knie gestützt. Er umklammerte die rechte Faust, ließ Beliar nicht aus den Augen und kochte offentlichltich vor Wut.
Hoffentlich kommt er nciht auf dumme Gedanken, durchzuckte es sie. Schließlich sollte Lucian gar nicht hier sein. Er sollte überhaupt nirgends sein - nicht in dieser Zeit.
Wieder ertönten die Fanfaren. Hastig setzte sie sich auf dem Hocker zurecht und schaute auf den Touchscreen. Das Licht wurde gedimmt. Ein Trommelwirbel ertönte und dann las Beliar die erste Frage vor.
„Ein Pentagramm ist a) ein Apothekermaß, b) ein Fünfsternehotel, c) eine Geisteskrankheit oder d) ein Fünfzackstern.“
Okay, total einfach. Ravenna drückte auf den Knopf des Buzzers. Die Lichtblitze galten wieder ihr. „Ein Pentagramm nennt man auch Fünfzackstern“, sagte sie, ohne Beliars Frage abzuwarten. „Es ist ein Stern mit fünf Spitzen. Ein Hexensymbol, das, je nachdem ob die fünfte Zacke nach oben oder nach unten zeigt, für weiße oder schwarze Magie steht.“
Beliar lachte wie ein Kind. Vadym schlug die Beine übereinander und applaudierte. Die Bildschirme beider Kandidaten wurden eingeblendet. Beide hatten dieselbe Antwort gewählt, aber wieder war Ravenna ein klein wenig schneller gewesen.


Verstohlen wischte sie die Handflächen an ihrer Hose ab. Sie hatte gehofft, dass sie lockerer werden würde, sobald das Quiz begann. So war es auch im Hexenkonvent gewesen: Ihre Angst vor den Prüfungen war viel schlimmer gewesen als die Prüfung selbst. Aber unter den jetzigen Umständen wurde sie mit jeder Frage nervöser und unruhiger.
„Nächste Frage: Belladonna ist a) eine schöne Frau, b) eine Giftpflanze, c) das italienische Wort für Gewitter oder d) ein Hundename.“
Diesmal war Vadym als Erster am Buzzer.

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Tore Der Zeit - Lea Nicolai

© Lea Nicolai