Bonustracks

Kleine Leckerbissen für die Fans meiner Romane: Hier stelle ich Euch immer wieder einzelne Szenen, Textausschnitte und Episoden vor, die vor der Veröffentlichung dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Einfach ab und zu mal vorbeischauen!

 

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Tore der Zeit

Böse Vorahnungen

Ravenna und der Ritter Lucian besuchen das Schloss von Carcassonne.

Während sie durch die Ausstellung gingen, flüsterte Lucian seiner Hexe ins Ohr, was er aus seiner Zeit von der Burg in Erinnerung behalten hatte. Sein Vater hatte nur zeitweilig in Carcassonne Hof gehalten. Der eigentliche Wohnsitz der Familie war eine versteckte Felsenburg.  
Kritisch musterte er die Sammlung von Waffen, die nun in Schaukästen unter Glas verschlossen lag.   Ravenna nannte diese Dolche und Schwerter alt. In Lucians Augen entsprachen sie jedoch vollkommen dem Standard seiner Zeit: Lanzen, etwas schartig zwar, aber gut ausgewogen, Hellebarden, Wurfspeere, Peitschen und ein Morgenstern. An der Wand hingen Gobelins. Die Wolle der Behänge war verstaubt, die Farben verblichen. Lucian seufzte. Nichts besaß mehr den Glanz von einst. Mehr als siebenhundert Jahre hatten ihre Spuren an dem Schloss und seiner Einrichtung hinterlassen.

Auf einem Stuhl in der Ecke saß der beleibte Museumswärter und löste ein Zahlenrätsel. Der Mann schaute nicht auf, als Lucian an ihm vorbeiging. Offenbar hatte er keine Ahnung, wie schnell ein geübter Kämpfer war, wenn sich ein Schwert in Reichweite befand. Als Lucian sich über einen Satz silberner Wurfpfeile beugte, räusperte sich der Wärter.
„Hallo. Sie da. Sie kennen doch sicher den Spruch.“ Der Stuhl ächzte, als sich der Aufseher vorbeugte. Herausfordernd stützte er die Hände auf die Knie. „Nur gucken. Nichts anfassen.“
„Schon klar“, murmelte Lucian. Insgeheim ärgerte er sich über die unhöfliche Behandlung. Aber Ravenna hatte ihm geraten, sich von nichts und niemandem herausfordern zu lassen. Er verschränkte die Arme auf dem Rücken und starrte auf die verstaubten Wandbehänge. Gobelins hatte er noch nie gemocht. Er fand die prunkvollen Darstellungen von Greifen, Einhörnern und Krönungen geschmacklos und konnte nicht verstehen, weshalb man sie in Ravennas Zeit in einem Museum ausstellte. Aber vielleicht würde es eines Tages auch mit den kleinen Hexenmarionetten so sein, die am Eingang des Schlosses zum Kauf angeboten wurden?

Ravenna zeigte dem Aufpasser das Foto ihrer Schwester. „Kennen Sie diese Frau? War sie vielleicht hier, im alten Schloss von Carcassonne? Ihr Name ist Yvonne Doré. Sie wird vermisst.“
Der Museumswärter beugte sich über das Bild und betrachtete es eine Weile. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Das Mädchen kenne ich nicht, aber ihn da. Den Kerl habe ich schon einmal gesehen.“ Mit dem Finger deutete er auf Lucian.
„Mich?" Lucian ließ die Arme sinken. Das Blut floss rascher durch seine Adern. „Tatsächlich? Kein Zweifel? Und wann soll ich hier gewesen sein?“
Ravenna rempelte ihn an und ließ es wie ein Missgeschick aussehen. „Lass ihn! Lass ihn einfach“, zischte sie ihm zu. „Vergiss, was er gesagt hat. Wir gehen.“
Lucian schob sie jedoch zur Seite. „Wann war ich hier?“
Der Wärter erhob sich von seinem Klappstuhl. Er stemmte die Fäuste in die Seiten und versuchte, größer und respekteinflößender auszusehen, als er war. „Wann du hier warst? Dass wirst du doch wohl wissen! Immerhin hast du versucht, in den gesperrten Bereich des Museums einzudringen! Der Alarm hat uns alle aus der Mittagspause geschreckt.“
Lucian fluchte unterdrückt. Nun wusste er mit Sicherheit, wen der Wärter gesehen hatte: seinen Vater Velasco. Den untoten Schlossherrn von Carcassonne.
Als er sah, dass der Aufseher ein Handy zückte, war er mit zwei raschen Schritten bei ihm, packte sein Handgelenk und drückte zu. Mit einem Schmerzschrei ließ der Wärter das Telefon fallen. Lucian fing das Gerät auf und ließ es zuschnappen.
„In welchen Bereich des Schlosses wollte der Eindringling?“, fragte er, während sich der Wärter in seinem Griff wand. „Antwortet mir! Ihr müsst es wissen, Ihr seid der Wächter über diesen Ort. In welchen Bereich des Schlosses wollte mein Doppelgänger?“
Nervös blickte Ravenna zum Eingang, wo Gelächter und Rufe bereits die nächste Besuchergruppe ankündigten. Schweißperlen bildeten sich über der Nase des Museumswärters. Die Hand, die Lucian gepackt hatte, bekam einen Stich ins Bläuliche.
„Zum Torgewölbe.“ Die Worte entwichen mit einem Schwall Luft.
Lucian war so überrascht, dass er den Wärter losließ. Rückwärts taumelte der Aufseher zu seinem Stuhl, ließ sich mit einem Ächzen auf die Sitzfläche fallen und rieb sich das gequetschte Gelenk. Sein Zahlenrätsel lag auf dem Boden.
„Es gibt ein Tor? Hier in der Burg?“
Lucian kannte die Burg von Carcassonne in- und auswendig. Schließlich war er hier aufgewachsen und auch wenn das mehr als siebenhundert Jahre zurücklag: Viel verändert hatte sich nicht. Das Schloss war wie ein Labyrinth gebaut, mit Untertunnelungen, doppelten Wänden, Gewölben, Kellern und geheimen Kammern – Stoff für jene Albträume, die ihn als Kind gequält hatten. An ein Zeittor konnte er sich aber nicht erinnern.
„Das Gewölbe gehört zu den ältesten Teilen der Burg“, stieß der Wärter hervor. „Angeblich wurde das Tor von irgendeinem Hexenzirkel aus dem Mittelalter errichtet.“
Ravenna und Lucian tauschten einen Blick. „Das wird die Sieben gar nicht freuen“, raunte er. „Jemand hat sie verraten. Und Velasco weiß Bescheid.“
„Alles halb so wild”, versuchte Ravenna den Aufseher zu beruhigen. “Ich schätze, Sie verwechseln meinen Freund mit jemandem, der ihm ähnlich sieht. Der Eindringling war nicht zufällig etwas älter? Schwarze Augen, dünner Bart? Nein? Tut uns leid. Schönen Tag noch.“
Lucian wollte protestieren, aber sie ergriff ihn am Ellenbogen und schob ihn in Richtung Ausgang. Für eine Frau ihrer Statur besaß Ravenna überraschende Körperkräfte. Vermutlich, weil sie in der Dombauhütte den ganzen Tag mit Hammer und Meißel arbeitete. Auch Lucian hatte es ausprobiert und sich prompt Blasen eingehandelt – trotz der Schwielen an seinen Händen, die von vielen Schwertübungen stammten.
Die wütenden Blicke des Wärters folgten ihnen. Der Mann stand auf und drängte sich durch die Menge der Besucher, zweifellos um Verstärkung zu holen. Insgeheim verfluchte Lucian den Starrsinn seiner Hexe, die ihm verbot, im einundzwanzigsten Jahrhundert sein Schwert zu tragen.
„Du wirst Ärger bekommen, wenn du so weitermachst. Einen Haufen Ärger“, warnte Ravenna ihn halblaut, sobald sie die Wendeltreppe hinunter eilten. Statt einer Antwort warf Lucian das Handy des Wärters in den Schacht und lauschte, wie es ein paar Mal gegen die Wand knallte, bevor es irgendwo in der Tiefe zerschellte.
„Mehr Ärger, als Velasco uns machen kann?“, fragte er. „Nicht mich hat der Wärter erkannt, sondern den Hexer von Carcassonne. Mein Vater war hier. Und suchte nach dem Tor, von dem der Mann gerade redete. Was, glaubst du, wird er machen, wenn er es gefunden hat? Dann sind wir in keiner Zeitlinie mehr vor ihm sicher.“
Ravenna schluckte nervös. „Wenn man dich in meiner Zeit erwischt, sind deine Schwierigkeiten viel größer, als du dir vorstellen kannst“, stieß sie hervor und zählte seine Verfehlungen an den Fingern auf. „Angriff auf einen Museumswärter, Zerstörung fremden Eigentums, unerlaubter Waffenbesitz, falls jemand das Schwert in meinem Kofferraum findet – und dazu kommt, dass du keine Papiere vorweisen kannst. In meiner Welt existierst du nicht, Lucian. Ich habe keine Ahnung, was sie mit jemandem machen, den sie in keinem Computer finden.“
Lucian lächelte düster. „Ich bin ein Geist. In deiner Zeit bin ich ein Geist. Was sollen sie schon mit einem Geist anstellen?“

Er führte seine Hexe in einen Gang, der in der Mauer des Zwingers verlief. Eine Weile schritten sie eilig durch das Halbdunkel. Dann gelangten sie zu einer kleinen Holztür, die mit einem Haken verschlossen war. Lucian löste den Haken und stieß die Tür auf. Kaltes, sonniges Winterlicht fiel in den Gang.
Blinzelnd trat Ravenna ins Freie und schaute sich um. Sie befanden sich in einem abgelegenen Teil der Festungsstadt. Während auf den Hauptstraßen Gedränge herrschte, war die Seitenstraße verlassen.
„Verflixt“, brummte die Hexe. „Warum hast du mir diese Pforte nicht gezeigt, bevor ich den Eintritt für uns beide bezahlt habe?“

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Die Hexen

Hexenzauber

Ravenna wird von einem unheimlichen Hund verfolgt und bittet ihre Schwester Yvonne um Hilfe.

„Er war wieder da.“
Missmutig rührte Ravenna in ihrer Teetasse. Gleichzeitig beobachtete sie, wie Yvonne unter lautlosem Gemurmel Kreidezeichen auf den Türbalken malte. Wollte man ihrer Schwester glauben, dann hielt die Spirale Flüche, den Bösen Blick und neidische, fremde Hexen fern. Aber nur, wenn man von diesem Firlefanz überzeugt ist, dachte Ravenna.
Sie gähnte und tat noch einen Löffel Honig in ihren Tee. Als Yvonne fertig war, trat sie zwei Schritte zurück und betrachtete ihr Werk mit gerunzelter Stirn. Dann seufzte sie gereizt und löschte die Spirale mit dem Ärmel aus.
„Wer war wieder da? Wenn du mich jedes Mal ablenkst, muss ich immer wieder von vorn anfangen. Das Triskel muss aus einem Guss sein. Sonst wirkt es nicht.”
Ravenna leckte den Löffel ab. „Der weiße Hund. Du weißt schon – dieser Köter, der mich seit Wochen auf Schritt und Tritt verfolgt. Diesmal habe ich ihn vom Gerüst aus gesehen. Er schnüffelte unten auf dem Platz vor der Kathedrale herum.“
Yvonne zuckte die Achseln. Sie drehte den Wasserhahn auf und spülte die Kreide von ihren Fingern. Anschließend füllte sie ein Glas mit Wasser. „Na und? In der Stadt gibt es jede Menge Streuner. Wahrscheinlich hat der Hund nur nach Abfällen gesucht. Oder nach einer attraktiven Hündin.“
Sie goss die Kräutertöpfe auf der Fensterbank. Mit dem Finger prüfte sie, ob die Erde feucht genug war. Liebstöckel, Kamille und Hexenkraut – und als ob das noch nicht genug wäre, stapelten sich in allen Ecken der kleinen Dachwohnung Zeitschriften über Gartenbau und Bücher über alte Bräuche, magische Plätze und Volksglauben. Alles hatte sich verändert, seit Yvonne bei ihr eingezogen war.
„Wahrscheinlich hast du recht“, murmelte Ravenna. „Ich mache mir zu viele Sorgen und sehe schon Gespenster, wo keine sind.“
Sie pustete auf den dampfenden Tee. Insgeheim bekam sie jedoch Herzklopfen, wenn sie an den Hund dachte. Er war groß und muskulös und hatte ein schneeweißes Fell. Eine Ewigkeit saß er unter dem Gerüst und und starrte mit seinen Bernsteinaugen zu ihr herauf. Ab und zu zog er drohend die Lefzen hoch, ohne jedoch einen Laut von sich zu geben. Erst als aus einer der zahlreichen Gassen ein Pfiff ertönte, sprang der Hund auf und lief davon.
Ravenna schauderte und legte die Finger um die Teetasse. Yvonne kam zu ihr und nahm sie in den Arm.
„Vergiss den Köter“, raunte ihre Schwester ihr ins Ohr. „Hier – steck' das in die Tasche. Dann hast du vor Hund und Herrchen Ruhe.“
Sie drückte Ravenna einen kleinen Beutel in die Hand.
„Was ist das?“ Überrascht zog Ravenna an dem Bändchen, das den Beutel zusammenraffte. Yvonne hielt ihren Arm fest.
„Nein! Nicht öffnen! Sonst verliert das Amulett seine Wirkung. Nur so viel: Es enthält einen Haizahn, ein Stückchen Kohle von einer Weide, die der Blitz getroffen hat, und Haare von einer schwarzen Katze. Und es wirkt. Das kannst du mir glauben.“
„Yvonne!“ Ravenna stöhnte und rollte mit den Augen. „Was soll denn ein Haizahn gegen einen bissigen Streuner ausrichten? Das ist einfach bescheuert. Ich werde auf keinen Fall mit einem Medizinbeutel unter dem Pulli herumlaufen! Was sollen meine Kollegen denken, wenn sie …“
Plötzlich verstummte sie, denn ihr ging auf, dass Yvonne auch vom Herrchen des Hundes gesprochen hatte. Dabei hatte Ravenna den Mann in dem langen Mantel und dem dunklen Hut mit keiner Silbe erwähnt. Er ging jeden Tag an der Kathedrale vorbei, ohne aufzublicken. Deshalb kannte sie sein Gesicht nicht. Sie kannte nur seinen Hund, der stets zu den Gerüsten trottete und an den Streben schnüffelte, die sie berührt hatte.
Gänsehaut kroch ihr über die Arme. „Woher wusstest du das?“, flüsterte sie. „Dass da noch jemand ist? Dieser Mann – woher wusstest du von ihm?“
Yvonne spitzte die Lippen. Dann zuckte sie mit den Achseln. „Ich bin eine Hexe, ob du's glaubst oder nicht. Ein weißer Hund mit glühenden Augen... denkst du wirklich, ich wüsste nicht Bescheid? Und nun tu' mir den Gefallen und steck' das Amulett ein! Ich meine es nur gut mit dir.“
Zögernd drehte Ravenna das Säckchen hin und her. „Also schön. Weil du es bist“, murrte sie schließlich.
Rasch schob sie den Beutel in die Tasche ihrer derben, staubigen Arbeitshose. Sofort breitete sich ein angenehmes Kribbeln auf ihrem Oberschenkel aus. Eine Taube, die sich auf dem Fenstersims niedergelassen hatte, schreckte auf und flatterte davon.
„Na also.“ Yvonne sah zufrieden aus. „Ich sagte doch, dass es wirkt.“
Die Abendsonne kam hinter den Wolken hervor. Ihr Licht fiel in die Küche und ließ Yvonnes Arme und ihre blonde Lockenmähne aufleuchten. Eine Welle der Zuneigung überflutet Ravenna. Sie stand auf und nahm ihre kleine Schwester in den Arm.
„Kein Zweifel“, raunte sie Yvonne ins Ohr. „Du hast dieselbe Gabe wie Mémé. Deshalb weiß ich auch, dass ich mir keine Sorgen machen muss: gleich zwei Hexen in der Familie! Was soll da schon schiefgehen?“
„Ich und Mémé?“ Yvonne lachte. „Und was ist mit dir? Glaubst du, dieser Kerl und sein Hund würden dir hinterherschleichen, wenn du keine Gabe hättest? Nein, meine Liebe. In unserer Familie sind wir alle Hexen. Ob du es nun wahrhaben möchtest oder nicht.“

Schwarze Magie

Die Hexe Elinor pflegt die sterbende Marquise auf dem Hœnkungsberg.

“Ihr seid so gut zu mir”, wisperte die junge Burgherrin. “Eine wahre Heilerin. Bedauerlicherweise könnt Ihr nichts mehr für mich tun, außer mir die letzten Stunden durch Eure Anwesenheit zu versüßen. Wollt Ihr das für mich tun?”
Gewiss doch, versprach Elinor in Gedanken. Sie nahm die Hand der Sterbenden – alabasterweiße Finger mit rosafarbenen Nägeln, die nie harte Arbeit kennen gelernt hatten – und hielt sie bis zum letzten Atemzug der Fürstin. Und die Marquise starb, nicht ahnend, dass der bloße Wunsch einer Hexe genügte, um sie dem Tode zu weihen. Ein Wunsch, ein Spruch und ein wenig verbranntes Kraut, um ihr Blut zu verderben.

Jede Gabe hat eine Kehrseite, pflegten die Sieben den Hexenschülerinnen einzuschärfen, sobald diese das erste Jahr ihrer Ausbildung begannen. Ihr werdet auch die Dunkelheit kennen lernen. Und dann müsst ihr euch entscheiden. Für die richtige Seite, wenn ihr bleiben und weiterhin auf dem Hexenberg leben wollt. Wenn ihr überhaupt leben wollt. Oder ihr wählt Schwarze Magie. Die Finsternis. Das Verderben. Es ist der sicherste Weg, alles Unglück dieser Welt auf sich zu ziehen.
Doch was ist richtig und was ist falsch?, fragte Elinor sich, während sie im Zimmer der Toten die Fenster aufriss, die Blumen aus den Vasen raffte und hinunter in den Burggraben warf. Wer kann das beurteilen? Die Sieben ganz bestimmt nicht.
In den Gängen und im Gesindehaus der großen Festung stimmten die Zofen bereits lautes Wehklagen an. Wegen ihrer Nachsicht den Bediensteten gegenüber war die junge Marquise beliebt gewesen. Ungerührt schritt Elinor durch die verwaiste Burg und rief die Kammerdienerinnen und Spülerinnen, die Sängerinnen, Wäscherinnen und die Köchinnen im Innenhof vor den Stallungen zusammen.
"Packt Eure Sachen und verschwindet!”, befahl sie den erschrockenen Frauen. „Wenn ihr nicht ebenso dahinsiechen wollt, wie eure verblichene Herrin, dann verlasst ihr die Burg so lautlos und so schnell wie möglich und kehrt niemals in das Reich des Marquis zurück.“

Unter der weißen Haube wurde eine Köchin leichenblass. „Ihr seid eine Hexe!“, zischte sie. „Ihr habt die Marquise auf dem Gewissen und, so wahr mir Morrigan helfe, auch den gnädigen Herrn!“
Blitzschnell grub Elinor die Finger in das Handgelenk der Frau. „Was rufst du Morrigan an, während du mich gleichzeitig eine Hexe nennst!“, fauchte sie. „Was hat sie mit dem zu tun, was hier geschieht? Mach und hol deinen Krempel! Und kehre der Festung den Rücken, sonst belege ich dich mit…“
Weiter kam sie nicht, denn die Köchin riss ihren Arm aus dem Klammergriff, steckte den Daumen zwischen Ring- und Zeigefinger und hob die Faust in einer obszönen Geste.

Küchenmagie. Elinor lachte und schubste die Köchin sanft in Richtung Torhaus. Die Zofen drängten sich im Hintergrund. „Lass es gut sein und geh, ehe ich die Wachen rufe“, riet sie der Frau. Niemand sah die schwarze Schabe, die aus Elinors Ärmel krabbelte und in den Falten des Gewands der Köchin verschwand. „Dann will ich diesen kleinen, unschönen Streit vergessen.“
„Ihr seid keine vom Odilienberg“, stieß die Köchin hervor. „Ihr seid keine der Sieben, auch wenn Ihr behauptet, dort die Ausbildung einer Heilerin und Hexe genossen zu haben. Die Sieben – das sind gütige, weise Frauen. Aber Ihr – Ihr seid böse!“
Elinor zuckte die Achseln und schob die Köchin endgültig Richtung Tor. Die Frau musste aus der Burg verschwinden, ehe der Fluch seine Wirkung tat. „Was immer ich sein mag: Du bist von meiner Gegenwart erlöst. Ich entlasse dich aus dem Dienst auf dem Hœnkungsberg. Und nun fort mit dir! Ihr alle – geht mir aus den Augen!“

Vom Mühlenturm aus sah sie zu, wie das Gesinde den Weg einschlug, der sich zwischen dichten Tannen, Felsen und Sturzbächen hinunter ins Tal schlängelte. Die entlassenen Dienstboten diskutierten, verständigten sich mit aufgeregten Gesten und deuteten ab und zu zur Burg zurück. Die Köchin fing schon an, sich zu kratzen. Nicht mehr lange und sie würde nicht mehr am Leben sein.

Mit einem gelangweilten Lächeln drehte Elinor sich zur Festung um. Sie musterte die mächtigen Wehrmauern, die Erker, den Tiergarten und die Galerien. All dies war nun ihres. Das - und der Burgherr obendrein.

Letzlich behält die Köchin doch recht, dachte sie. Sie hatte auch den Marquis auf dem Gewissen. Denn der Wunsch einer Hexe genügte. Ein Wunsch, ein Lächeln und ein paar Tropfen Gift im Tee - und schon wurde ein Mann zum Ehebruch verleitet, noch bevor das Herz seiner jungen Frau zu schlagen aufhörte.

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© Lea Nicolai